Erst mal Klarheit.

Beim Diagnostiker musste ich ein paar Stunden verbringen, meine ganze Lebensgeschichte gingen wir durch.
Ich schwitzte sehr schlimm, ich war nervös, ich hatte Angst man lacht mich wieder aus.
Aber..er musste mir dann recht geben.
Er sagte, das ich sehr warscheinlich das Asperger-Syndrom habe.
Das ist eine Form des Autismus, bei der man durchscnittlich bis überdurchschnittlich Intelligent ist.
Man ist also nicht Geistig „behindert“

Er sagte mir auch, das Autismus bei Frauen nicht auffällt und man bei mir kein Borderline sehen könne, da Borderliner eine andere Persönlichkeitsstruktur hätten.
Dieser Arzt schien viel mehr erfahren zu sein wie mein derzeitiger Psychiater. Er wusste sehr viel und erklärte die Dinge auch so, das sie Sinn machten.
Ich musste einige Tests über mich ergehen lassen.
Auch meine Eltern und Grosseltern mussten Fragebögen über mich ausfüllen.
Nach ein paar Sitzungen, sagte mir der Diagnostiker, das er sich ganz sicher sei, das ich im Autismusspektrum sei.
Die Dinge deuten darauf hin, weil ich z.B. Hyperlexie , also frühes genaues Lesen, ohne den Text zu verstehen.
Ich habe sehr früh ja angefangen zu lesen, und es ist bis heute das einzige was ich wirklich tun kann, nebst Musik hören was mein Gehirn einigermassen beruhigt.

Die Gedanken erschlagen mich auch heute sehr oft noch.
Bilder von Früher, die sich aufdrängen und die ich erhoffe auch ein wenig los zu werden in dem ich darüber schreibe.
Und auch die Depression ist auch heute noch mein ständiger Begleiter.
Ich denke sie kommt, duchs viele Nachdenken über unsere Welt, mich selbst und meine Geschichte.
Es verging nun noch mals fast ein Jahr und ich nahm mehrere Monate durch Beruhigungsmittel weil ich so nervös war nach der ganzen Autismus-Geschichte.

Nach dieser Diagnose, ich hätte Autismus, wurde ich nach einiger Zeit von der IV gebeten, mich nochmals zu einer Gutachterin zu begeben.
Man verprach mir, mich gut zu behandeln.
Zum guten Glück konnten sie mich aus dem Haus locken. Ich hatte so furchtbar Angst, keiner glaubt mir mehr.
Ich hatte Panikanfälle, das Haus zu verlassen, so sehr fürchtete ich die Menschen und die Welt da draussen.
Oft versagte mein Kreislauf fast und meine Hände und Füsse liefen weiss-blau an.

Die neue Gutachterin, war eine Unispital-Oberärtztin. Sie war älter und wirkte sehr ruhig und erfahren. Auch ihr Wissen war gross.
Ich war fünf Stunden mit ihr in einer Sitzung und erzählte alles was ich wusste.

Sie sagte am Schluss, sie sehe es auch so, das ich Autist bin, aber ich habe auch viele andere Probleme.
Zum Beispiel eine Traumafolgestörung und andere psychische Probleme wie eine Depression.
Aber, weil ich alles rational ansehe und nicht mit Emotionen erzähle und einfach mein gesamtes Denken anders ist, denke sie meine primäre Diagnose sei schon Autismus.
Ausserdem habe ich kaum Mimik und Gestik, fiel ihr auf.

Sie sagte auch, nach all dem ganzen Stress muss ich entlastet werden, desshalb sehe sie nur eine Rente für mich, da sie nicht wisse wo ich noch stressfrei arbeiten könne.
Ich soll dann schauen, das ich genug esse und mir Rituale vorbereite.
Ich war erst mal geschockt, gleichzeitig fühlte ich mich entlastet weil ich so mich endlich mal regenerieren konnte im Kopf.

Ein neues Leben fing für mich an, ich sah zum ersten mal wieder einige Zukunftsperspektiven.
Aber ich verfiel auch in eine sehr schwere Depression weil ich zuerst mit dieser Veränderung nicht umgehen konnte, der Psychiater sagte dem „Entlastungsdepression“
Die IV bezahlte mir von da an nun monatlich eine Rente, viel ist es ja nicht, aber ich bin zufrieden.
Ich konnte jetzt etwas mehr an Kultur und Leben teilnehmen, Menschen kennenlernen.

Ich habe angefangen wieder Sport zu machen und ich esse jetzt auch immer regelmässig. Ich rauche nicht mehr, ausser Cannabis, welches ich ab und an noch mit dem Vaporizer rauche.
Alkohol habe ich auf ein kleinstes Minimum reduzieren können.
Inzwischen durfte ich auch Bekanntschaft mit mehreren Autisten machen und ich fühle mich nicht mehr so alleine wie früher.
Ich habe Selbstvertrauen gefunden und fühle mich nun verstanden und akzeptiert auf diesem Planeten.
Auch wenn es bis heute sicher nicht die Beste Lösung war, bin ich froh momentan einfach nur entlastet zu sein und der Mensch werden, der ich immer sein wollte: Ein kreativer, abenteuerlustiger Mensch der gerne neues endeckt und unglaublich Wissendurstig ist.
Ich habe auch einige Pläne für die Zukunft.

Ich konnte mir neue Kleidung kaufen jetzt und auch mal hochwertigere Produkte.
Es gab mir ein bisschen Leben zurück.

Wir wären am Ende meiner Geschichte.
Aber natürlich geht es jetzt weiter.
Ich werde über Autismus, meine Probleme im Alltag und mehr, gerne hier noch weiterhin berichten.
Nur, über meine Vergangenheit, wisst ihr jetzt alles.

Jetzt kann ich das letzte Foto hier unten hochladen, ein Foto meines 28 Lebensjahres wo ich heute stehe.
So, wie ich halt bin 🙂

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Wohin denn nun?

Nach einem endlos erscheinenden weiteren Jahr im Exil, entschlossen mein damaliger Freund und ich, an einen optimaleren Ort zu ziehen.
Die Wohnung in diesem abgelegenen Kaff war einfach viel zu dunkel weil sie zu kleine Fenster hatte. Dazu kam, das man im Winter kaum Sonne hatte, da riesige Berge die Sicht verdeckten.
So kam es, das die Sonne schon um ein Uhr Nachmittags unterging.
Mich machte das unglaublich Depressiv.
Ich sah Monatelang nur Dunkelheit.

Ab und an konnte ich auf Zürich fahren und bei Freunden übernachten.
Aber einige von diesen Freunden stellten sich wiederum als falsch heraus.
Einer von ihnen, hatte mich auch ohne meinen Willen angefasst.
Zum Glück habe ich mich geweht diesmal, denn so etwas lasse ich nicht mehr mit mir machen.

Wenn ich auf Zürich fuhr, war ich oft von den vielen Reizen total überflutet so das ich in eine Euphorie verfiel. Mir war es oft viel zu viel auf einmal, da ich mir ja gewohnt war, nur Zuhause zu sein.
Es war eine unglaubliche fülle von neuen Eindrücken, eine Ekstase für meinen Körper.
Ich nahm dann auch ziemlich viel Ritalin, mischte es manchmal sogar mit Alkohol und nahm zum Abschluss dann noch ein Benzodiazepin um einzuschlafen.
Mir war alles recht, um mich irgendwie zu vernebeln damit ich diese Reize und diese Welt, diese Einsamkeit in mir, und meine inneren Bilder nicht mehr fühlen und sehen musste.
Und ich tat es auch, weil ich wusste ich war in Zürich haltlos. Ich hatte nicht viele gekannt.
Ich sass wieder oft an Gothic Partys und schaute oft den Menschen zu und merkte noch mehr, wie ich so sehr anders war.
Nein, ich war kein Borderliner, schön wärs, wenn ich einer wäre, dann würde mir der Kontakt zu den Menschen doch leichter fallen, dann würden mir sexuelle Kontakte in Beziehungen leichter fallen, ich würde mehr nach aussen leben können.
Ich merkte, das ich immer mehr wurde wie mein Vater.

Oft dachte ich darüber nach, wie er gelitten hatte, wie er mir sagte, er könne den Frauen gegenüber keine Gefühle ausdrücken.
Nur Gedichte, die schrieb er immer.
Oder er malte Bilder.

Ich war ein Beobachter. Ich stand immer am Rande.
Und ich fühlte mich nie eins mit den anderen Menschen.
Ich sass alleine in dem Club in Zürich, wo ich schon die Jugendzeit verbrachte.
Die Menschen verhielten sich oft so Kopflos, kindisch und naiv. Sie lebten alle im Moment, im hier und jetzt. Ohne Gedanken an Morgen oder gestern.
Sie erschienen mir oft wie Kinder….
Ich konnte es nicht mehr. Ich war viel zu weit mit meinem Kopf. Ich war zu ernst geworden.
Verachtend fing ich an, mein Gehirn zu hassen.
Wie gerne, wäre ich weniger komplex gewesen.

Meinem Psychiater habe ich inzwischen durch den neuen Wohnort gewechselt.
Schwere Depressionen plagten mich immer wieder und Zukunftsängste.
Ich hatte oft Diskussionen über meine Borderline-Diagnose, weil ich das als nicht richtig empfand.
Ich verstand sowieso nicht, warum man so leicht von schizoider Persönlichkeit zu einer Borderline-Persönlichkeit umdiagnostiziert wird.
Das sind doch zwei völlig verschiedene Diagnosen.
Ein Borderliner ist eher ein Mensch der nach Aussen alles zeigt, weil er es ja eben im Innen nicht erträgt.
Aber ich bin ein „“Innenmensch““, schon immer habe ich alles alleine in mir drin gelöst.
Ich hatte zwar immer Freunde, aber ich glaube ich habe mich zuwenig geöffnet diesen gegenüber. Meistens brach ich zu allen vorzeitig den Kontakt ab, weil sie mich langweilten oder ich einfach allein sein wollte.
Selten habe ich bemerkt, das ich meine Gefühle nicht nach Aussen zeigte.

Ich dachte, alle Menschen können meine Gedanken sowieso sehen.
Das man Gefühle mit seinem Körper zeigen musste, das war mir fremd.
ich dachte, Menschen sehen mein „Innerstes“
Darum traute ich mich auch nie, zu Lügen.
Weil ich immer dachte, Menschen sehen meine Gedanken.

Ich entschied mich, selber zu einem Diagnostiker für Erwachsene Autisten zu gehen.
Die Seite http://www.Autismus.ch hat mir sehr geholfen.
Ich habe darauf hin dann einem dieser ein E-Mail geschrieben.
Ich schrieb in kurzen Kapiteln, ähnlich hier, was in meinem Leben so schief lief.
Das ich mir sehr viele Gedanken machte, aber Borderline nicht das richtige sei.
Die Therapie für Borderline war für mich irgendwie mehr ein Witz.
Es wurden mir nicht wirklich Ratschläge gegeben, der Psychiater sass nur da und sagte nichts.
Auch nicht, wenn ich ihn was fragte.
Er schien nichts zu wissen.

Endlich, als ich 26 Jahre alt war, nahm man mich einmal ernst.
Ich durfte zu diesem Diagnostiker gehen, mich mal richtig professionell untersuchen lassen.
Ich wollte wissen, was jetzt genau nicht mit mir stimmt.

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Tage im Exil…

Irgendwie fühlte ich mich zusehends mehr verloren.
Die IV handelte erst mal gar nicht, nach dem Gutachten. Ausserdem, hatte sich der Gutachter auch nicht wirklich konkret zu meinem Gesundheitszustand geäussert.
Ich hatte also keine Arbeit und kein Geld. Ich lebte von meinem damaligen Freund.
Dieser war ja Schizoid und hatte deshalb eine IV-Rente.
Das Sozialamt beschloss auch noch, mir kein Geld mehr zu geben, weil mein Freund ja genau genug für zwei habe.

Und so lebte ich, ohne Geld, irgendwo in einem abgeschiedenen Kaff im Tessin.
Ich kam nicht mehr oft zur Wohnung raus und lag eigentlich nur herum.
Cannabis durfte ich ja von der IV aus nicht mehr rauchen, und mit Tabak rauchen hatte ich schon aufgehört als ich 23 Jahre alt war.
Ohne Geld und mit einer Menge an Existenzsorgen ging es mir immer schlechter.
Durch den extremen Reizmangel, also nur noch Nachts wach sein und nie nach draussen gehen, wurde ich immer seltsamer.
Panikattacken ergriffen mich aus dem Nichts, manchmal sah ich mich im Spiegel nur als verzerrte Fratze und wusste kaum mehr wer ich bin.

Das extreme Hungern verschuf mir manchmal so eine Art Wohlgefühl und es gab mir auch eine Art Kontrolle.
Ich hatte nichts mehr unter Kontrolle, nur meinen Körper.
Dazu kam auch noch, das ich dann in meiner Beziehung immer unzufriedener wurde.
Ich fühlte mich oft alleine.
Schon seit mehreren Jahren hatten ich und mein Freund kaum körperlicher Kontakt mehr.
ich fing mich immer mehr nach Leidenschaft und Emotionen an zu sehnen.

Dann kam es leider wie es kommen musste und ich lernte einen Koreaner kennen.
Mit dem ich dann ziemlich schnell sexuellen Kontakt hatte.
Er war anders wie der Schizoide, halt einfach mehr emotionaler. Es war sicher nicht einfach, mit der Schizoidität meines damaligen Freundes umzugehen.
Das er sich immer zurück zog, lieber vor dem Computer verbrachte und einfach manchmal mehr wirkte wie ein Geist als ein lebendiger Mensch.
Mir fehlte der Austausch mit anderen.

Dieser Koreaner musste wegen seinem ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) Ritalin nehmen.
Es kam natürlich dazu, das auch ich so ein Ritalin probierte.
Die erste Einnahme war wunderbar, mein träger Kreislauf und mein träges Gehirn wurden wieder hochgefahren.
Ich fühlte mich so wach wie noch nie, auch meine Depressionen waren weg.

Leider wurde ich sehr schnell süchtig danach.
Eine Nebenwirkung war auch, das man sehr an Gewicht abnahm, aber das gefiel mir.
Von den Ursprünglichen 53 Kilo hungerte ich mich mit Ritalin auf 40 kilo hinunter.
Der Koreaner nahm auch ab und an Koks.
Mir war zu dieser Zeit alles egal, mir glaubte ja eh keiner, in gewisser Weise hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen.
Da probierte ich das erste mal Drogen aus.
Ich nahm nur eine kleine Menge Koks, aber mein Zentralnervensystem vertrug das nicht.
Ich schlief gleich vor Erschöpfung ein.
Meinem Gehirn war das viel zu viel.
Ritalin und Koks versetzte mich offenbar in eine künstliche Stresssituation.

Irgendwie, merkte ich, brauchte ich das, einfach Stress, mein Organismus kam mit so viel Ruhe einfach nicht klar.
Mit meinem damaligen Freund, dem Schizoiden, hatte ich aufgrund meines Seitensprungs oft Probleme, aber doch beschlossen wir, unsere Beziehung fortzuführen.
Eine Zeit lang lief es dann auch besser mit ihm.

Mit dem Koreaner kam ich nicht zurecht, er war mir dann doch einfach zu fremd und viel zu fordernd, so dass ich ihn nicht mehr sehen wollte.
Er liess mir aber eine Packung Ritalin da.
Sechs Monate lang nahm ich das Zeug noch, danach war mein Körper ausgezehrt.

Koks habe ich nie mehr angefasst.

Die Zeit verging und ich lag einfach wieder nur passiv Zuhause rum.
Es fiel mir immer schwerer aufzustehen, da mein Körper sich zu schnell an den Bewegungsmangel anpasst und einfach alles „runterfährt“ wie Blutdruck, Energiebedarf, aber leider auch Glückshormone etc.
Ich wurde immer schwächer, dünner und meine Haut begann durchsichtig und weiss zu werden.
Mangelndes Sonnenlicht durch meine Nachtaktivität (auch im Sommer) so wie mein Bewegungs – und Nahrungsmangel führten dazu, das ich allgemein und mein Gewebe, immer weniger wurde. Mein Gedächtnis verschlechterte sich auch immer mehr.
Ich wusste nicht, was aus mir noch werden sollte, meine Zukunft existierte einfach nicht, keine Arbeit, kein einziges Lebenszeichen von der IV.
Oft versuchte ich, mit der IV Kontakt aufzunehmen, aber nichts wurde mir gesagt.
So verging wieder ein Jahr.
Und ich wurde 25.

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Der Kampf geht weiter.

Die Invalidenversicherung lud mich dann nach sechs Monaten Wartezeit auf eine „psychologische Begutachtung“ ein.
Da muss man zu einem Psychiater, der aber von der Invalidenversicherung bezahlt wird, der als „neutral“ in seiner Beurteilung über deinen Gesundheitszustand angesehen wird.
Das System dahinter ist, das die IV (Invalidenversicherung) nicht deinem vertrautem Psychiater glaubt in seinen Aussagen und Diagnosen, sondern halt einem „neutralen“ und Objektivem.
Ob jetzt ein Psychiater, der von der IV bezahlt wird, so objektiv ist, wie sie es darstellen, darüber lässt sich streiten.

Das Gespräch war für mich sehr anstrengend, ich war 23 Jahre alt und ziemlich unsicher, jung und unerfahren.
Mit einem Kopf voller Daten.
Im Verlauf des Gesprächs, wurden mir viele intime Fragen gestellt.
Ich erzählte dem Gutachter, was ich jetzt euch hier erzähle.
Natürlich völlig wirr, da ich nicht genau weiss, was jetzt wichtig ist und was nicht, bzw. was man zuerst hätte sagen sollen weil es so wichtig war.
Für mich ist alles wichtig
Und am liebsten würde ich vor den Menschen meine ganze Datenmenge „auskotzen“ damit sie sehen können, was ich gesehen habe und gefühlt habe.

Aber wie so oft wusste ich nicht wo Beginnen und wo enden. Ich hatte so viele Erinnerungen in mir.

Ich erzählte alles, sprudelnd was mir nur so durch den Kopf wirbelte, von meiner Mutter, meinen Problemen mit meinem Körper, meine nicht endenden Gedanken meine Traumas, meine Arbeit.
Als ich bei der Stelle angelangt war, wo mich meine Mutter früher Urin trinken liess, meinte der Gutachter „Ach was! Das sagen sie jetzt alles nur, um eine Rente zu bekommen!“
Ich erschrak weil man mir nicht glaubte.
Mein Zentralnervensystem versagte wieder einmal.
Dunkelheit legte sich über mein Kopf.
Ich war weg, wie so oft.

Den Gutachter hörte ich nur noch von weitem.
Ich konnte keine Antwort mehr geben.
So sehr ich es hätte wollen.
Ich war in meinem dunklen Gefängnis.

Natürlich weiss ich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr so viel.
Ich weiss nur, ich hatte ein total schlechtes Gefühl in mir.
Man glaubte mir nicht.

Ich verlangte dann ziemlich schnell meine Krankenakte bei der IV, da ich sehen wollte, was da genau geschrieben wurde während des vierstündigen Gesprächs.
Die Akte kam nach ein paar Monaten und als ich sie las folgte ein erneuter Nervenzusammenbruch.
Dort hatte ich auch das Gefühl, etwas in mir ging ernsthaft kaputt.
Hatte ich doch bis anhin das Gefühl, allem standhaft geblieben zu sein, dort endete dieses Gefühl.
In der Akte wurde ich als Borderlinerin bezeichnet, die zu Aggravation neigt.
Es stand, ich könne mir gar nicht so viel merken von meiner Vergangenheit, deshalb wurde ich dann vom Gutachter als „Verdacht auf Simulation“ abgestempelt.

In meiner Verzweiflung holte ich mir mehr Informationen zusammen, um zu beweisen, das ich nicht Lüge.
Das Jugendamt war ja mit elf Jahren bei mir Zuhause. (Vielleicht mögt ihr euch entsinnen, an den früheren Artikel „Jugendamt“ von mir) Sie hatten noch eine Akte von mir, wie sich herausstellte, welch Glück.
Doch was ich in diesem Bericht zu sehen bekam verschlimmerte alles noch mehr.
Auch in dem Bericht stand, das ich als Mädchen bei dieser Frau, die mich damals im Wald gefunden hatte, ausgesagt habe, das ich Zuhause misshandelt wurde.
Aber alle meine Verwandten waren da, beim Jugendamt ihre Aussagen machen, einschliesslich mein Vater und hatten meine Mutter in den Schutz genommen.

Das heisst, am Schluss des Berichts stand, das ich, Sara, das alles nur dieser Frau gesagt hätte um Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen.
Und das meine Mutter nicht Drogensüchtig gewesen sei.
ich habe einfach herumgelogen hiess es.
Ebenfalls stand darin, das mein Vater aussagte, mir seien andere Menschen schon immer egal gewesen und das ich in meiner eigenen Welt lebe.
Auch mein Lehrer sagte aus, er wurde auch eingeladen. Das ich ein träumerisches Mädchen sei, welches Mühe mit der Realität hatte.

Der Moment, in dem man weiss, man wurde von allen verraten, fühlte sich furchtbar an.
Ich hatte nicht gelogen, ich sagte die Wahrheit.
Mein Kreislauf drohte zu versagen und ich bekam unglaubliche Schmerzen über Wochen.
Gesichtsnerven die, zuckten und schlimm brannten wie Feuer, einzelne Gefühlsstörungen der Gliedmassen.
Jetzt stand ich vor der IV als Lügnerin da und auch noch in diesem doofen Jugendamt-Bericht!

Monate darauf hatte ich so eine Art epileptischer Anfall und immer mehr bereitete sich die Paranoia aus. die IV hatte mir verboten zu kiffen, verlangte regelmässige Urinprobem.
Das Ich das auch noch ändern musste, tat meinem Gehirn nicht gut.
Sechs Jahre am Stück hatte ich Cannabis geraucht, am Schluss mit einem Vaporizer (Ein Gerät in dem man Kräuter verdampft).
Tägliche Panikattacken waren mein Begleiter.
Meine Augen versagten, meine Sehkraft versagte…meine Augen waren schon immer etwas überreitzt. Aber diesmal gingen sie ganz kaputt.
Ich brauchte eine starke Brille, da ich Weitsichtig wurde.

Ich begann, Zwänge auszuleben, wie den Zwang sehr wenig zu essen.
Ich kontrollierte meine Nahrungsmenge und es durften nie mehr als 1200 Kalorien täglich sein. Ich flüchtete in die Zahlenwelt, um mir noch ein bisschen Kontrolle und Halt zu geben.
Andere Menschen wollten mein Leben und somit meinen Körper kontrollieren. Mit den strengen Hunger-Regeln konnte ich somit ein wenig würde bewahren.
Wieder begann ich zu Hungern.
Ich wurde 24 Jahre alt.

leeucht

Endlos Denken – Das fraktale Gehirn.

Während die Zeit verstrich, wurde ich immer klüger.
Im Alter von 23 Jahren las ich täglich acht Stunden im Internet Fachinformationen über Anatomie, Biologie und Wissenschaft.
Da ich ein fotografisches Gehirn besitze, konnte ich mir fast alles davon merken – es sei denn die Information interessierte mich nicht so.
Aber auch, über unser Wirtschaftssystem.
Es kehrte so eine Art Ruhe ein.

Vieles hatte ich aber auch dem Cannabis zu verdanken, welches meine Gedanken verlangsamte und somit auf ein normaleres Niveau herunter kamen.
Während andere von Cannabis schläfrig wurden, wurde ich eher klarer.
Oft konnte ich nicht einschlafen, weil einfach diese Gedankenflut meiner Erinnerungen mich überschwemmte.
Dies führte einfach zu oft zu Verspannungen und Gereiztheit, manchmal sogar Agressionen.

Ich konnte irgendwie nicht aufhören zu Denken, es lief ununterbrochen ein Gedankenfluss an riesigen Datenmengen ab.
Teilweise brachte es mich um den Verstand.
Ich merkte, warum ich gerne andere Menschen um mich herum hatte, weil sie mich einfach ablenkten vor meinen eigenen Erinnerungen.
Ich erkannte, das mein Gehirn Fraktal war und somit unendlich Informationen abspeichern konnte, die sich immer mehr verzweigten.
Es schien wie ein Quantencomputer zu sein, eine endlose Serie an Datenmengen in Form eines Sierpinsky-Dreiecks
Ich war froh wenn ich schlief, so hatte ich ein wenig Ruhe.
Doch jeden Morgen das selbe, mein Kopf fährt hoch und die Daten erschlugen mich fast.
Und täglich wurden es noch mehr, je mehr ich las.

Die Invalidenversicherungsanmeldung lief auch soweit gut, doch mich sollte noch böses erwarten.
Bei der Therapeutin lief es auch alles andere als gut, sie machte immer wieder Druck, das ich endlich Remeron nehmen sollte, ein recht starkes Antidepressivum.
Denn ohne das, meinte sie, würde ich mich nicht öffnen.
Seit der Anti-Baby-Pille weiss ich aber, das Medikamente bei mir extremer wirken als bei anderen und somit hatte ich eine riesen Angst.
Sie verschrieb mir dann Temesta.

Dieses Temesta ist ein Benzodiazepin, eine Art Beruhigungsmittel.
Als ich es das erste Mal nahm, fühlte ich mich sehr ruhig innerlich und ich neigte dazu, sehr viel zu Malen.
Ich wurde sogar richtig kreativ.
Wo ich doch vorher eher Angst hatte, selber Bilder zu kreieren, (ich zeichnete nur immer ab, also kopierte schon bekannte Werke), traute ich mich jetzt, ohne Ziel anzufangen zu zeichnen.
Das führte dazu, das ich das erste Mal eigene Bilder erstellte, ohne abzuzeichnen.
Später brauchte ich keine Beruhigungsmittel mehr, es ging dann auch ohne.

Ich wollte aber diese Medikamente nicht, sie machten sehr Abhängig. Sobald ich sie absetzte, wurde ich wieder zur „unendlichen Denkmaschine“
Wie verzweifelt versuchte ich Halt irgendwo in meinen Gedanken zu finden, indem ich mir ein paar Tiere kaufte und so versuchte, Struktur in meinen Tag zu bringen.
Aber eigentlich hatte ich gar keine Kraft dazu.
Das schlimme war, der Geist brauchte dringend eine Art Ablenkung, Struktur, während mein Körper aber leider viel Ruhe brauchte.
Dieser Zwiespalt machte mich ziemlich kaputt.

Die Therapeutin drohte mir mit geschlossene Klinik, wenn ich mich nicht bald endlich öffnen würde.
Das Sozialamt wollte mich bevormunden, da sie meinten ich habe mein Leben nicht im Griff. Sie kamen sogar mal in meine Wohnung um zu sehen wie ich lebte.
Ich fühlte mich von allen total unter Druck gesetzt und wie ein Tier in eine Ecke gedrängt.
ich konnte nur noch „um mich schlagen“ und alles Ablehnen, was man mir anbot.

Nichts hätte mein Körper mehr ertragen, keine Klinik, keine Medikamente, keine Gruppentherapie.
Mein immer verzweifelt werdendes „um mich schlagen“ und alles ablehnen, führte dazu, das meine Therapeutin den Verdacht auf Borderline-Anteile bekam.
Auf einmal schien sie „emotional instabile Teile“ in mir zu sehen.
Sie sagte mir, sie würde mich aus der Therapie schmeissen, wenn sie nicht bald einmal Gefühle von mir sehe. Und das gehe nur mit den besagten Medikamenten.
Ich soll Vertrauen zu ihr haben.
Aber wie denn, was wollte sie denn?
Gefühle zeigen?
Das tat ich doch?

Eines Tages schaute ich mir Zuhause eine Dokumentation über „Savants“ an, das waren autistische Menschen die ein Gehirn haben, das sich Teilweise von normalen Menschen unterscheidet.
Ich sah ein Savant, der sich alles merken konnte was er je sah, aber dafür mit anderen Menschen gar nicht klar kam. Aber den ganzen Tag beschäftigte er sich nur mit einer Sache.
Er konnte nicht gut Gefühle zeigen.
Voller erstaunen erkannte ich, ich hatte auch so etwas.
Viele haben mir bis anhin gesagt, das es nicht so normal sei, das ich nie was vergesse.
Und das ich jeden Tag über 8 Stunden lesen muss und nichts anderes tun wollte, schon seit ich 5 jahre alt bin.

Ich redete voller Schrecken mit meiner Therapeutin darüber, doch ohne mich anzuhören, meinte sie „Ach was, wenn sie Autist wären, würden sie nicht hier sitzen und mit mir reden“
Und das Thema schien für sie abgeschlossen.
Für mich aber nicht.
ich merkte, nach vielen Artikeln die ich Zuhause las, dass ich weder emotional instabil war, noch so verschlossen wie ein schizoider.
Die Diagnosen der Therapeutin mussten falsch sein, da meine wahrnehmung der Welt einfach ganz anders war.
Kein Wunder, brachte die Therapie nichts.
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Der ewige Kampf gegen die Entropie.

Ich schien förmlich zu spüren, wie das Chaos an mir zehrte…Ich wurde älter und älter. Ich war knapp 23 Jahgre alt.
Neue Erkenntnisse taten sich in mir auf, die ich durch Monatelanges lesen und Stunden in der Natur erlangte.

Die Entropie, die das Universum vorantreibt, ist das Chaos, welches wiederum Strukturen erzeugt die sich wiederum, gegen das Chaos zu wehr setzen.

Wir Menschen sind aus dem Chaos entstanden, haben uns kurz zu einer Struktur zusammengesetzt und werden wieder im Chaos enden.
Menschen als organische Wesen machen einen Prozess der vollkommen Struktur zur vollkommenen Unordnung durch.
Einige von ihnen wiedersetzen sich der Zersetzung, dem Tod also gewissermassen, besser, während andere schneller in sich zerfallen.
Ich habe bemerkt ich zerfalle langsam.

Und so habe ich den Kampf mit der Entropie aufgenommen.

Ich beschäftigte mich stark mit Ernährung und mit den fragen des grossen Universums, allgemein las ich sehr viel oder schaute Dokumentationen. Mein Gehirn verlangte ununterbrochen nach Wissen.
Mir kam es vor, als würde ich dank dem Internet jetzt mehr Wissen als je zuvor in der Schule oder Zuhause. Denn die Schule hatte mich eher gehindert mich wirklich fortzubilden, denn nichts was ich dort gelernt hatte brauchte ich zum überleben, aber echt gar nichts.

Mir war aber oft sehr mulmig zumute wegen der Ruhe die ich jetzt hatte, da das Sozialamt mich vorübergehend mit ihren Beschäftigungsprogrammen in Ruhe liessen, wegen meinem schlechten Gesundheitszustand, hatte ich nicht mehr so viele Verpflichtungen. Aber dennoch eine ständige Angst plagte mich furchtbar, was in Zukunft mir mir geschehen würde.
Meine Kraftreserven waren leer. ich spürte es, weiter konnte es nicht mehr gehen.
Und wenn sie mich zwingen, zu funktionieren, so schwor ich mir das Leben zu nehmen.
Ich hatte oft Nervenzusammenbrüche vor dem Einschlafen mit schlimmen Heulattacken und Krämpfen, ich etrug diese Ruhe einfach nicht!
Viele Bilder und Informationen schwirrten in meinem Kopf herum und machten mich wahnsinnig, zuvor hatte ich nie die zeit um vieles von meiner Vergangenheit zu verdauen – nun überschwemmte mich die Informationsflut wie ein Tsunami und schwächte meinen Körper.

Trotzdem hatte ich das Gefühl, mich immer wieder neu ordnen zu können nach Stresssituationen, besonders mit Hilfe von Musik. Ich wollte meinen Körper beschützen. Gegen das Chaos kämpfen…..
Das Chaos konnte mich nicht besiegen, ich lebte noch. Ich wieder setzte mich offenbar sehr gut dagegen und konnte mich immer irgendwie wieder aufraffen.

Jedoch plagten mich noch immer Allergien, schwerere Immunreaktionen und manchmal auch innere Unruhe, Albträume und ständiges frieren.
Ärzte stellten einen niedrigen Schilddrüsenwert fest, und vermuteten einen Noradrenalinmangel.
Ich träumte von meiner Mutter, wie sie mich schlug, Schmerzen am ganzen Körper die so real schienen als würden sie gerade geschehen.
ich träumte von meiner Arbeitsstelle, wie sie mich mobbten, und von meinem Ex-Freund, wie er Gegenstände nach mir warf.

Ich begann wieder mehr zu essen, meistens sehr kalorienreich. Mein Appetit stieg auf einmal stark an.
Natürlich nahm ich nach so einer stressreichen zeit sehr viel zu, es waren wieder 15 Kilo.
Ich landete von den vorher 38 Kilos auf 53 hinauf. Mehr wurde es aber allerdings nicht.
Ich begann Krafttraining zu betreiben und ging auch mehr hinaus in die Sonne.
Die Ernährung hielt ich meistens gesund, nur Cannabis rauchte ich immer noch sehr viel

Ich gönnte mir dann mal eine Tättowierung am Oberarm, die ich mir schon lange sehnlichst gewünscht hatte. Ich liess mir DNA-Stränge und Zellinhalt stechen.
Das war immerhin eine kleine Sache, die ich mir gönnte.
Es gab mir das gefühl von Freiheit und das mein Körper jetzt mir gehört.

Schlafen tat ich immer noch sehr viel, so um die 12 Stunden am Stück und mein Kreislauf hatte sich nicht wirklich gebessert.
Oft tat ich es mir schwer antrieb zu finden etwas zu tun.
Kraft zum Arbeiten hatte ich nicht mehr wirklich.
Ich fühlte, wie sich alles regenerieren musste.

Meine Stimmung war sehr labil, jegliche Filme mit ähnlichem Inhalt zu meiner Vergangenheit brachten mich sofort zum Weinen und in Aufruhr.
Mein Nervensystem fühlte sich überlastet, überreizt und schwach an.
Allgemein fühlte ich mich nicht mehr mal ein bisschen belastbar, sondern immer sehr nah am weinen und nah an der schweren Depressivität.

Natürlich kam es soweit, das ich zu einer Psychiaterin ging, aber dafür musste ich allen Mut auf mich nehmen. Ich wusste, keiner würde mich wohl verstehen…das habe ich ja mehr als genug erlebt in meiner Geschichte.
Die Psychiaterin war erst von der Uni ausgetreten, also völlig frisch in ihrer Tätigkeit.
ich erzählte ihr auf Anhieb alles von früher und das ich jetzt so kraftlos sei.
Ich wurde auf 70 % krank geschrieben, mit Verdacht auf Schizoide Persönlichkeitsstörung (das ist eine Störung ähnlich dem Autismus) mit mittelschweren Depressionen, und Paranoia und komplexer posttraumatischer Belastungsstörung.
Das Sozialamt liess mich ein Stück weit mehr in Ruhe, da ich jetzt krankgeschrieben war, und nicht mehr volle Prozent arbeitsfähig.

Ich arbeitete in der Therapie meine Vergangenheit mit ihr durch.
Es war nicht einfach für mich, ihr alles zu erzählen, zumal ich sonst mit niemandem gross darüber gesprochen habe.
Jedenfalls kam ich mit der Therapeutin nicht wirklich zurecht.
Sie wollte mir Medikamente verschreiben, aber ich vertrug diese nicht.
Und wir gerieten deswegen immer aneinander…
Das nervte auf Dauer dann doch sehr.

Es kam wie es kommen musste, die Therapeutin meinte, ich muss mich bei der Invalidenversicherung anmelden, da ich nichts mehr beim Sozialamt zu suchen hätte.

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