Zeitfraktal

Seit Anbeginn meiner Erinnerungen ist das, was die Menschen „die Zeit“ nennen für mich ein Rätsel.
Schon als Kind fühlte ich mich einfach „Zeitlos“.
Ich empfand, das gar keine Zeit vergeht, nur das Chaos der Dinge nahm in meinem Umfeld zu.
Ich hatte begriffen das Chaos und Struktur zum Leben gehörten.
Aber es irritiert mich auch heute noch, wenn Menschen oder Dinge altern und sich verändern.
Es ist für mich so surreal und unbegreiflich, manchmal löst es auch so eine Art Panik aus in mir.

Die Zeit und ich hatten einen ewigen Kampf gegeneinander.
Für mich ist Zeit einfach Entropie, also die Unordnung nimmt in jedem System zu, das ist das Gesetz der Natur und wir Menschen sind ja auch Systeme.
In meiner Welt lief alles langsam ab.
Ich bemerkte, wie die Menschen versuchten die Zeit zu messen, anscheinend war das etwas vom wichtigsten im Menschenleben.
Und ich wurde gezwungen auch mit einer Uhr herumlaufen, weil meine Eltern meinten ich sei zu langsam in meinen Tätigkeiten, eine Träumerin und unachtsam.
Aber diese Uhr verarschte mich die ganze Zeit.

Ich schaute immer wieder auf die Uhr, aber kaum war ich wieder in meiner „langsamen Gedankenwelt“ und schaute nach gefühlten fünf Minuten wieder mal darauf, vergingen in der Realität Stunden.
Schmerzhaft musste ich bemerken das die Zeit chaotisch verging und alles andere als linear und somit kontrollierbar war.
Sie erschien manchmal langgezogen, mal aber komprimiert.
Auch die Zeit ist nur ein Fraktal.

Ich hatte das Gefühl, mich irgendwann mit der Zeit synchronisiert zu haben und es besser lief sie zu „erfassen“
Aber ich bekam dann immer mehr das Gefühl, Dinge „vorausberechnen zu können“

Ich hatte ein Lieblingsspiel eine Zeit lang.
Oft schmiss ich einen Würfel hin und ratete welche Seite oben war.
Wenn ich es einfach „automatisch geschehen liess“ in meinen Gedanken, also sozusagen den Gedankenfluss einfach „chaotisch ablaufen liess“ dann ratete ich immer richtig, jedoch dachte ich einmal bewusst darüber nach, lag ich falsch.
Ich machte mir viele Gedanken dazu, wieso das Ganze so war. Ich kam dann zur folgenden Erkenntnis:
Die Zukunft existiert eigentlich schon.
Und zwar in unzähligen Möglichkeiten.
Anhand der Kräfte, die alle fraktaler Natur sind, kann man dann berechnen, welche Möglichkeit sich gerade „materialisieren“ (also zur Realität) wird.

Das klingt jetzt für einige sicher irre, aber so war es wirklich.
Im Verlauf meines Lebens machte ich oft solche „Warscheinlichkeitsberechnungen“ und ich wurde immer besser darin.
Das Gleiche geschah ja mit Algebra, welches ich auch so „automatisch“ einfach begriffen habe, damals in der Schule, ich musste nicht überlegen.
ich habe mich oft gefragt, ob ich auch gut wäre in der Stochastik.

Die Frage die sich duch mein ganzes Leben hindurch zieht ist: Generieren wir unsere eigene Zukunft selbst?
Manchmal hatte ich das Gefühl, Dinge vorausahnen zu können..wobei es keine „Vorausahnung im Übersinnlichen Sinn“ war, eher eine präzise Berechnung aller Möglichkeiten die in diesem Moment hätten sein können.
Klar, oft denke ich das war eine Fähigkeit mich in meiner Familie durchzuschlagen. Wenn ich Dinge schnell und effizient vorausberechnen konnte, dann konnte ich oft vorher schon Strategien zu meinem Selbstschutz anwenden.
Diese Art Dinge vorauszuberechnen bescherte mir einige sehr unheimliche Momente in meinem Leben, so wie man sie eher aus magischen Büchern kennt.

Die Zeit ist jedenfalls für mich ein seltsames, fast unbegreifliches Konstrukt.
Ich sage Raum und Zeit sind ein Fraktal.
Genau wie unser Herzschlag erscheint sie nicht linear sondern einfach chaotisch, aber nur auf den ersten Blick.
Chaos ist auch Ordnung, wenn man es denn versteht. Weil Chaos auch wieder Ordnung erzeugt. Es ist immer eine Frage der Perspektive und der Grössenordnung.

Eine Ameise zum Beispiel muss die Welt um sie herum chaotisch wahrnehmen, weil Menschen herumtrampeln und grosse Wesen sie angreifen.
Aber sie sieht nicht, das eigentlich eine viel grössere Welt existiert die zum Beispiel eigentlich auch demokratische Strukturen hat, so wie sie selbst mit ihrer Kolonie ja auch.
Sie sieht ja nur einen Bruchteil der „anderen Welt“ und kann durch die Grössenordnung gar nicht sehen das es das Gleiche wäre wie in ihrere eigenen Welt.
Und so geht es weiter, vom Kleinsten ins Grösste und wieder zurück. Und wir Menschen sind irgendwo mitten drin.
Was wir sehen ist ein Bruchteil des Ganzen und alles Weitere würde unser Verstand gar nicht begreifen.
Das Universum muss wohl unendlich sein…wie ein Fraktal.
Welten in den Welten in den Welten……

Wenn also Raum und Zeit ein Fraktal ist, dann gäbe es mehr Dimensionen.
Vielleicht existieren wir sogar in mehreren, wer weiss 🙂

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4 Kommentare zu “Zeitfraktal

  1. Liebe Sara,

    deine letzten beiden Beiträge lösen in mir viele Gedanken aus. Erinnerungen an meine eigene Kindheit und Jugend. An das, was ich damals gedacht habe, wie ich Ameisen beobachtete, mit einem Stück Glasfaserkabel spielte (das war damals gerade erfunden worden) und vieles mehr. Zu gern würde ich mich darüber mit dir austauschen! =)

    Beim Lesen ist mir etwas aufgefallen, was nebensächlich scheint und wonach ich dich ganz wertfrei fragen möchte: Du schreibst von „den Menschen“ und „der Welt der Menschen“ (letztes Blogpost), als gehörtest du nicht dazu, als wärest du kein „Mensch“. Ist das dein Lebensgefühl? Auch jetzt noch, im Erwachsenenalter?

    Liebe Grüße, Ismael

    • Nein, ich sah mich nicht als Mensch, lange Zeit wusste ich irgendwie nicht das ich einen “Körper hatte” und so bin wie die anderen. Schwer zu beschreiben, aber mein Körpergefühl war wohl sehr schlecht. Ich kam mir wirklich auch in meiner Jugendzeit eher vor wie ein Alien.
      Halt jemand der die Mennschen nicht so ganz versteht und alles von Grund auf bewusst lernen musste, während *normale” Kinder es wie nebenbei lernten.
      Heute, als Erwachsene, weiss ich es zwar rational, das ich ein Mensch bin, empfinde mich aber eher als so eine Art „Tier“ mit all meinen Sinnen und Funktionen.

  2. Hallo Sara

    Dein letzter Text erinnert mich sehr an mich selber in der Vergangenheit. Ich selber hab Stunden lang mit würfeln und anderen Dingen das selbe gemacht, Selber die Erfahrung gemacht, das die Zeit seltsam ist und eben relativ – relativ inexistent. Was sie dadurch irgendwie manipulierbar gemacht hat für mich.

    Es scheint, viele von uns haben die Zeit als seltsames Phenomän erkennen müssen und auch den Umstand, das intuitives Handeln ohne drüber nachzudenken prezieser, zum Beispiel beim Bogenschiessen oder Bälle werfen, ist als bewusste Gedanken darüber zu machen.

    Dein Post spricht mir aus der Eigenen Welt.

    Liebe Grüsse Chris

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