Tage im Exil…

Irgendwie fühlte ich mich zusehends mehr verloren.
Die IV handelte erst mal gar nicht, nach dem Gutachten. Ausserdem, hatte sich der Gutachter auch nicht wirklich konkret zu meinem Gesundheitszustand geäussert.
Ich hatte also keine Arbeit und kein Geld. Ich lebte von meinem damaligen Freund.
Dieser war ja Schizoid und hatte deshalb eine IV-Rente.
Das Sozialamt beschloss auch noch, mir kein Geld mehr zu geben, weil mein Freund ja genau genug für zwei habe.

Und so lebte ich, ohne Geld, irgendwo in einem abgeschiedenen Kaff im Tessin.
Ich kam nicht mehr oft zur Wohnung raus und lag eigentlich nur herum.
Cannabis durfte ich ja von der IV aus nicht mehr rauchen, und mit Tabak rauchen hatte ich schon aufgehört als ich 23 Jahre alt war.
Ohne Geld und mit einer Menge an Existenzsorgen ging es mir immer schlechter.
Durch den extremen Reizmangel, also nur noch Nachts wach sein und nie nach draussen gehen, wurde ich immer seltsamer.
Panikattacken ergriffen mich aus dem Nichts, manchmal sah ich mich im Spiegel nur als verzerrte Fratze und wusste kaum mehr wer ich bin.

Das extreme Hungern verschuf mir manchmal so eine Art Wohlgefühl und es gab mir auch eine Art Kontrolle.
Ich hatte nichts mehr unter Kontrolle, nur meinen Körper.
Dazu kam auch noch, das ich dann in meiner Beziehung immer unzufriedener wurde.
Ich fühlte mich oft alleine.
Schon seit mehreren Jahren hatten ich und mein Freund kaum körperlicher Kontakt mehr.
ich fing mich immer mehr nach Leidenschaft und Emotionen an zu sehnen.

Dann kam es leider wie es kommen musste und ich lernte einen Koreaner kennen.
Mit dem ich dann ziemlich schnell sexuellen Kontakt hatte.
Er war anders wie der Schizoide, halt einfach mehr emotionaler. Es war sicher nicht einfach, mit der Schizoidität meines damaligen Freundes umzugehen.
Das er sich immer zurück zog, lieber vor dem Computer verbrachte und einfach manchmal mehr wirkte wie ein Geist als ein lebendiger Mensch.
Mir fehlte der Austausch mit anderen.

Dieser Koreaner musste wegen seinem ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) Ritalin nehmen.
Es kam natürlich dazu, das auch ich so ein Ritalin probierte.
Die erste Einnahme war wunderbar, mein träger Kreislauf und mein träges Gehirn wurden wieder hochgefahren.
Ich fühlte mich so wach wie noch nie, auch meine Depressionen waren weg.

Leider wurde ich sehr schnell süchtig danach.
Eine Nebenwirkung war auch, das man sehr an Gewicht abnahm, aber das gefiel mir.
Von den Ursprünglichen 53 Kilo hungerte ich mich mit Ritalin auf 40 kilo hinunter.
Der Koreaner nahm auch ab und an Koks.
Mir war zu dieser Zeit alles egal, mir glaubte ja eh keiner, in gewisser Weise hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen.
Da probierte ich das erste mal Drogen aus.
Ich nahm nur eine kleine Menge Koks, aber mein Zentralnervensystem vertrug das nicht.
Ich schlief gleich vor Erschöpfung ein.
Meinem Gehirn war das viel zu viel.
Ritalin und Koks versetzte mich offenbar in eine künstliche Stresssituation.

Irgendwie, merkte ich, brauchte ich das, einfach Stress, mein Organismus kam mit so viel Ruhe einfach nicht klar.
Mit meinem damaligen Freund, dem Schizoiden, hatte ich aufgrund meines Seitensprungs oft Probleme, aber doch beschlossen wir, unsere Beziehung fortzuführen.
Eine Zeit lang lief es dann auch besser mit ihm.

Mit dem Koreaner kam ich nicht zurecht, er war mir dann doch einfach zu fremd und viel zu fordernd, so dass ich ihn nicht mehr sehen wollte.
Er liess mir aber eine Packung Ritalin da.
Sechs Monate lang nahm ich das Zeug noch, danach war mein Körper ausgezehrt.

Koks habe ich nie mehr angefasst.

Die Zeit verging und ich lag einfach wieder nur passiv Zuhause rum.
Es fiel mir immer schwerer aufzustehen, da mein Körper sich zu schnell an den Bewegungsmangel anpasst und einfach alles „runterfährt“ wie Blutdruck, Energiebedarf, aber leider auch Glückshormone etc.
Ich wurde immer schwächer, dünner und meine Haut begann durchsichtig und weiss zu werden.
Mangelndes Sonnenlicht durch meine Nachtaktivität (auch im Sommer) so wie mein Bewegungs – und Nahrungsmangel führten dazu, das ich allgemein und mein Gewebe, immer weniger wurde. Mein Gedächtnis verschlechterte sich auch immer mehr.
Ich wusste nicht, was aus mir noch werden sollte, meine Zukunft existierte einfach nicht, keine Arbeit, kein einziges Lebenszeichen von der IV.
Oft versuchte ich, mit der IV Kontakt aufzunehmen, aber nichts wurde mir gesagt.
So verging wieder ein Jahr.
Und ich wurde 25.

P1140895

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