Der Kampf geht weiter.

Die Invalidenversicherung lud mich dann nach sechs Monaten Wartezeit auf eine „psychologische Begutachtung“ ein.
Da muss man zu einem Psychiater, der aber von der Invalidenversicherung bezahlt wird, der als „neutral“ in seiner Beurteilung über deinen Gesundheitszustand angesehen wird.
Das System dahinter ist, das die IV (Invalidenversicherung) nicht deinem vertrautem Psychiater glaubt in seinen Aussagen und Diagnosen, sondern halt einem „neutralen“ und Objektivem.
Ob jetzt ein Psychiater, der von der IV bezahlt wird, so objektiv ist, wie sie es darstellen, darüber lässt sich streiten.

Das Gespräch war für mich sehr anstrengend, ich war 23 Jahre alt und ziemlich unsicher, jung und unerfahren.
Mit einem Kopf voller Daten.
Im Verlauf des Gesprächs, wurden mir viele intime Fragen gestellt.
Ich erzählte dem Gutachter, was ich jetzt euch hier erzähle.
Natürlich völlig wirr, da ich nicht genau weiss, was jetzt wichtig ist und was nicht, bzw. was man zuerst hätte sagen sollen weil es so wichtig war.
Für mich ist alles wichtig
Und am liebsten würde ich vor den Menschen meine ganze Datenmenge „auskotzen“ damit sie sehen können, was ich gesehen habe und gefühlt habe.

Aber wie so oft wusste ich nicht wo Beginnen und wo enden. Ich hatte so viele Erinnerungen in mir.

Ich erzählte alles, sprudelnd was mir nur so durch den Kopf wirbelte, von meiner Mutter, meinen Problemen mit meinem Körper, meine nicht endenden Gedanken meine Traumas, meine Arbeit.
Als ich bei der Stelle angelangt war, wo mich meine Mutter früher Urin trinken liess, meinte der Gutachter „Ach was! Das sagen sie jetzt alles nur, um eine Rente zu bekommen!“
Ich erschrak weil man mir nicht glaubte.
Mein Zentralnervensystem versagte wieder einmal.
Dunkelheit legte sich über mein Kopf.
Ich war weg, wie so oft.

Den Gutachter hörte ich nur noch von weitem.
Ich konnte keine Antwort mehr geben.
So sehr ich es hätte wollen.
Ich war in meinem dunklen Gefängnis.

Natürlich weiss ich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr so viel.
Ich weiss nur, ich hatte ein total schlechtes Gefühl in mir.
Man glaubte mir nicht.

Ich verlangte dann ziemlich schnell meine Krankenakte bei der IV, da ich sehen wollte, was da genau geschrieben wurde während des vierstündigen Gesprächs.
Die Akte kam nach ein paar Monaten und als ich sie las folgte ein erneuter Nervenzusammenbruch.
Dort hatte ich auch das Gefühl, etwas in mir ging ernsthaft kaputt.
Hatte ich doch bis anhin das Gefühl, allem standhaft geblieben zu sein, dort endete dieses Gefühl.
In der Akte wurde ich als Borderlinerin bezeichnet, die zu Aggravation neigt.
Es stand, ich könne mir gar nicht so viel merken von meiner Vergangenheit, deshalb wurde ich dann vom Gutachter als „Verdacht auf Simulation“ abgestempelt.

In meiner Verzweiflung holte ich mir mehr Informationen zusammen, um zu beweisen, das ich nicht Lüge.
Das Jugendamt war ja mit elf Jahren bei mir Zuhause. (Vielleicht mögt ihr euch entsinnen, an den früheren Artikel „Jugendamt“ von mir) Sie hatten noch eine Akte von mir, wie sich herausstellte, welch Glück.
Doch was ich in diesem Bericht zu sehen bekam verschlimmerte alles noch mehr.
Auch in dem Bericht stand, das ich als Mädchen bei dieser Frau, die mich damals im Wald gefunden hatte, ausgesagt habe, das ich Zuhause misshandelt wurde.
Aber alle meine Verwandten waren da, beim Jugendamt ihre Aussagen machen, einschliesslich mein Vater und hatten meine Mutter in den Schutz genommen.

Das heisst, am Schluss des Berichts stand, das ich, Sara, das alles nur dieser Frau gesagt hätte um Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen.
Und das meine Mutter nicht Drogensüchtig gewesen sei.
ich habe einfach herumgelogen hiess es.
Ebenfalls stand darin, das mein Vater aussagte, mir seien andere Menschen schon immer egal gewesen und das ich in meiner eigenen Welt lebe.
Auch mein Lehrer sagte aus, er wurde auch eingeladen. Das ich ein träumerisches Mädchen sei, welches Mühe mit der Realität hatte.

Der Moment, in dem man weiss, man wurde von allen verraten, fühlte sich furchtbar an.
Ich hatte nicht gelogen, ich sagte die Wahrheit.
Mein Kreislauf drohte zu versagen und ich bekam unglaubliche Schmerzen über Wochen.
Gesichtsnerven die, zuckten und schlimm brannten wie Feuer, einzelne Gefühlsstörungen der Gliedmassen.
Jetzt stand ich vor der IV als Lügnerin da und auch noch in diesem doofen Jugendamt-Bericht!

Monate darauf hatte ich so eine Art epileptischer Anfall und immer mehr bereitete sich die Paranoia aus. die IV hatte mir verboten zu kiffen, verlangte regelmässige Urinprobem.
Das Ich das auch noch ändern musste, tat meinem Gehirn nicht gut.
Sechs Jahre am Stück hatte ich Cannabis geraucht, am Schluss mit einem Vaporizer (Ein Gerät in dem man Kräuter verdampft).
Tägliche Panikattacken waren mein Begleiter.
Meine Augen versagten, meine Sehkraft versagte…meine Augen waren schon immer etwas überreitzt. Aber diesmal gingen sie ganz kaputt.
Ich brauchte eine starke Brille, da ich Weitsichtig wurde.

Ich begann, Zwänge auszuleben, wie den Zwang sehr wenig zu essen.
Ich kontrollierte meine Nahrungsmenge und es durften nie mehr als 1200 Kalorien täglich sein. Ich flüchtete in die Zahlenwelt, um mir noch ein bisschen Kontrolle und Halt zu geben.
Andere Menschen wollten mein Leben und somit meinen Körper kontrollieren. Mit den strengen Hunger-Regeln konnte ich somit ein wenig würde bewahren.
Wieder begann ich zu Hungern.
Ich wurde 24 Jahre alt.

leeucht

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